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LeseZeit

Viermal im Jahr stellen die Büchereimitarbeiterinnen Susanne Hilgers und Birgitt Peters-Lapsien aktuelle Bücher aus dem Bestand
der KÖB St. Martinus in gemütlicher Runde vor und freuen sich, darüber mit ihren Gästen bei Tee, Wasser oder Wein ins Gespräch zu kommen. 
Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Bücherei. Eine Kurzbesprechung können Sie jeweils hier lesen.

Aufgrund der hinreichend bekannten Einschränkungen laden wir Sie diesmal zu einer Online-Version der LeseZeit ein und wünschen viel Vergnügen.

 

Maja Lunde - Die Geschichte des Wassers

Liebe Lesezeit – Freunde und Freundinnen,

aus besonderem und bekannten Grund können wir nicht zu unserer gewohnten Lesezeit-Runde einladen. Deshalb hier eine online-Version – leider ohne bereitgestellten Wein oder Tee. Vielleicht kann man sich das Getränk aber auch zu Hause dazustellen und dann die Präsentation lesen.

Außerdem gibt es noch eine weitere Beschränkung. Da es um eine online-Version geht, hat uns der btb-Verlag lediglich das Einfügen von vier Seiten aus dem Roman in diese Präsentation erlaubt. Aber auch so sollte man einen Eindruck vom Buch gewinnen können.

Als ich für die zweite „Lesezeit“ in diesem Jahr (geplant war der 21.04.2020) einen Buchvorschlag aussuchen wollte, näherte sich die Corona – Pandemie schon Europa. Meine ursprüngliche Idee wurde damit unbrauchbar: „Der Wal oder die Geschichte vom Ende der Welt“. In dieser Geschichte geht es nämlich um eine Pandemie, in diesem Fall verursacht von einem extrem aggressiven Virus, der die Menschen in wenigen Tagen tötet. Das hat wirtschaftliche, psychologische und menschliche Auswirkungen von enormen Ausmaßen. Ich nahm Abstand von diesem sehr lesenswerten Buch, denn ich fürchtete, dass womöglich der eine oder die andere der ZuhörerInnen eine ähnliche schmerzhafte Erfahrung bis zum Termin der Buchvorstellung gemacht haben könnte.

So begab ich mich auf die Suche nach einem Ersatz. Verschiedene Bücher drängten sich in der Folgezeit auf und schließlich sah ich die beiden Bücher von Maja Lunde im Regal: „Die Geschichte der Bienen“ und „Die Geschichte des Wassers“ und entschied mich für den neueren Roman.

Maja Lunde setzt auch bei diesem Werk, das 2019 auf der LitCologne von ihr vorgestellt wurde, auf die parallele Darstellung verschiedener Zeitstränge. Wie in „[der] Geschichte der Bienen“ finden wir auch hier drei Zeitebenen, diesmal allerdings etwas weniger deutlich getrennt. So erleben wir die 70-jährige Norwegerin Signe, die 2017 in ihrer Heimat in Norwegen gegen ökologische Missstände auf ihre Weise protestiert. Gleichzeitig erinnert sich Signe an ihre Kindheit. Schon in jungen Jahren kämpfte sie an der Seite ihres Vaters gegen die Ziele einer Profit-orientierten Gesellschaft und damit auch gegen ihre Mutter, die erfolgreich ein Hotel führte.

Der dritte Erzählstrang wird von David beigesteuert. Er und seine Familie leben in Südfrankreich im Jahr 2041. Die Welt hat sich stark verändert. Die Menschen fliehen aus den südeuropäischen Ländern und versuchen die „Wasserländer“ zu erreichen.

Mit den ersten zwei Seiten erfahren wir durch Signe, wie es in der Vergangenheit, zur Zeit ihrer Jugend, um ihre Heimat stand, wie es um die Natur und das Wasser in all seinen Erscheinungsformen bestellt war.

Seite 7 und Seite 8:

 

Schon auf den ersten zwei Seiten findet Magnus Erwähnung. Er wird sich durch Signes gesamte Geschichte als wichtiger Akteur ziehen. Aber es deutet sich auch schon an, dass er nicht immer an Signes Seite verbleiben wird. Schon hier spürt man, dass Magnus irgendwie auch einen Gegenpart einnimmt, in Opposition gerät trotz aller Bedeutsamkeit für Signe.

Signe, die sich irgendwann im Verlauf ihres Erwachsenwerdens von der Heimat mit all den geliebten Naturerscheinungen entfernte, kommt im hohen Alter zurück – nicht um in Erinnerungen zu schwelgen, sondern um erneut gegen den Missbrauch von Wasser Position zu beziehen. 

Seite 15:

Ihr Protest gegen diese Schändung des Gletschers und das dekadente Tun nimmt ungewöhnliche Formen an und ist der Grund, warum sie sich auf eine lange Reise mit ihrem Segelboot macht. Dabei kommt ihr das Wasser ganz nah und die Erinnerungen an ihre Kindheit werden immer wieder geweckt.

Davids Geschichte beschreibt das genaue Gegenteil. Nicht das Wasser in all seinen Erscheinungsformen prägt seine Geschichte, sondern der schiere Mangel. Lange Zeit hat er in einer Wasserentsalzungsanlage gearbeitet und gehofft, auf diese Weise der Dürre und damit dem Mangel an Sußwasser entgegenwirken zu können. Doch die Anlage war ihrer Aufgabe zumindest quantitativ nicht gewachsen. Viel zu spät entscheidet sich auch David mit seiner Familie zu fliehen. Dabei wird er mit seiner Tochter Lou von Frau und Sohn Anton getrennt. Doch sie haben einen Treffpunkt bestimmt  und so hoffen Vater und Tochter, die andere Hälfte der Familie dort zu finden.

Seite 30:

David und Lou werden in diesem Lager Aufnahme finden. Aber wie in allen Flüchtlings-lagern werden auch diese beiden mit Problemen, Herausforderungen und Vorkommnissen aller Art konfrontiert werden. Natürlich ist auch an diesem Zufluchtsort die Folge der Dürre unübersehbar.

Letztendlich finden die beiden Erzählstränge zueinander trotz der Diskrepanz in der Zeit und der räumlichen Entfernung. Es hat bei mir sehr lange gedauert, bis mir klar wurde, wie die beiden oder letztendlich sogar drei Geschichten zusammengeführt werden könnten, aber dieses unwahrscheinliche Ereignis erscheint durchaus glaubhaft und lässt den Leser doch einigermaßen erleichtert zurück, nachdem er viele Katastrophen miterleben musste.

„Die Geschichte des Wassers“ ist ein sehr spannendes Buch, auch wenn es eher leise, teilweise geradezu poetisch daher kommt. Es ist nicht unbedingt ein Wohlfühlbuch. Die Charaktere wachsen einem durchaus ans Herz, aber die sehr realen, ungelösten Umweltprobleme lassen vermutlich jeden Leser  besorgt und nachdenklich zurück.

Vielen Dank für das Interesse,
B. Peters-Lapsien

Wir haben in der Lesezeit bereits vorgestellt