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LeseZeit

Viermal im Jahr stellen die Büchereimitarbeiterinnen Susanne Hilgers und Birgitt Peters-Lapsien aktuelle Bücher aus dem Bestand
der KÖB St. Martinus in gemütlicher Runde vor und freuen sich, darüber mit ihren Gästen bei Tee, Wasser oder Wein ins Gespräch zu kommen. 
Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr in der Bücherei. Eine Kurzbesprechung können Sie jeweils hier lesen.

Aufgrund der hinreichend bekannten Einschränkungen laden wir Sie auch diesmal zu einer Online-Version der LeseZeit ein und wünschen viel Vergnügen.

Liebe Lesezeit – Freunde und Freundinnen,

unsere erste online – Buchpräsentation liegt schon etwas länger zurück. Zwischenzeitlich hatten wir sogar schon erste Schritte zu einer analogen Veranstaltung geplant. Aber leider ist diese Idee nun wieder in eine unbestimmte Zukunft verschoben worden. Deshalb soll heute erneut ein Buch der KÖB St. Martinus online vorgestellt werden.

Diesmal habe ich mich seit langem mal wieder für einen Krimi entschieden. Allein vom Cover hätte ich dieses Buch sicher nicht in die Hand genommen. Obwohl ich Hamburg und die Speicherstadt sehr attraktiv finde, auf diesem Bild wirkt alles eher bedrückend und düster – was für einen Krimi natürlich durchaus angemessen sein kann.

 

Henrik Siebold: Inspektor Takeda und die Toten von Altona, Kriminalroman

 

 

In Altona wird ein Ehepaar tot aufgefunden. Sie führten einen kleinen Buchladen mit einer eher links ausgerichteten Literatur. Dieser Buchladen soll einem Großbauprojekt weichen. Alles sieht nach Selbstmord aus. Es scheint, dass das Paar seinen Lebensmut verlor, angesichts der Übermacht aus Wirtschaft und Politik. Doch schon bald wird klar, das hierwar Mord, es steckt mehr dahinter und die Situation der Toten war überaus verworren und rätselhaft. Dafür, dass dieser Mord nicht vorschnell als Selbstmord zu den Akten gelegt wird, ist Inspektor Takeda verantwortlich.

Dieser Ermittler zeichnet sich aber nicht nur durch begnadete Kompetenz aus. Mit seinembesonderen Charakter und seinem japanischen Blick auf Deutschland und die Deutschenmacht er das Buch äußerst unterhaltsam. Als sehr erfolgreicher japanischer Ermittler kommt er im Rahmen einer Art Austauschprojekt nach Hamburg, um bei der dortigen Mordkommission mitzuarbeiten. Dabei geht es um das Lernen voneinander in Bezug auf Ermittlungsstrategien und anderer Verfahren.

Kenjiro Takeda ist ein moderner Japaner, der Jazz liebt und Saxophon spielt. Er ist als Mitglied eines ehemaligen Samurai – Clans aber auch im traditionellen Kampfsportbewandert und versteht sich auf die japanische Teezeremonie und anderer Traditionen.

Claudia Harms ist die Kollegin aus Hamburg, der Takeda an die Seite gestellt wird. Sie ist zunächst alles andere als erfreut über diese Entwicklung, fürchtet sie doch, dass sie auf diese Weise als einzige Frau im Team kaltgestellt werden soll und als „Babysitterin“ von der nächsten Beförderung ausgeschlossen wird. Diese eher bindungsunfähige, ehrgeizige Kriminalinspektorin zeichnet sich durch einen sympathischen Tick aus. Sie kümmert sich hingebungsvoll um die Zimmerpflanzen in ihrem Büro, was dazu führt, dass sich dort über die Jahre ein fast undurchdringlicher Dschungel entwickelt hat, der auf Claudia beruhigend und oftmals für die Lösung ihrer Fälle inspirierend wirkt.

Henrik Siebold kam schon als Kind nach Japan und hat dort auch gearbeitet. Dies macht das Buch aus meiner Sicht sehr spannend, denn Siebold sollte aus eigener Erfahrung wissen, wie die japanische Wahrnehmung Deutschlands ist. Aber auch all das, was dem Leser, der Leserin über Japan berichtet wird, kommt entsprechend aus erster Hand.

Darüber hinaus zieht sich durch den Krimi auch das Phänomen der deutsch – japanischen Beziehung. Diese historischen Aspekte bereichern die Story, so dass hier mehr als nur einweiterer Krimi entstanden ist.

Das passt dann auch zum Verlag. Der Aufbau – Verlag wurde nach dem Krieg in der DDR gegründet. Hier sollten jüdische Schriftsteller zu Wort kommen und die Bücher sollten antifaschistische Ideen verbreiten.

Ich wünsche viel Spaß bei der Kostprobe aus dem Krimi Inspektor Takeda und die Toten von Altona und hoffe, dass diese einleitenden Seiten Appetit auf mehr machen.

 

 

Eine Kurzbeschreibung von Susanne Hilgers zum aktuellen Buch von Doris Dörrie
"Leben Schreiben Atmen"

 

Doris Dörrie hat eine Einladung zum Schreiben über die eigene Person verfasst. Eine Einladung, die gleichzeitig eine Anleitung und eine Biographie ist.

Das Buch besteht aus insgesamt 49 kurzen Kapiteln und ist 271 Seiten stark. Die Kapitelüberschriften lassen keinen roten Faden erkennen. Alles könne zum Schreiben inspirieren, meint Doris Dörrie und liest man die Texte zu den Kapitelüberschriften, glaubt man das.

Am Ende eines jeden Kapitels ist die Aufforderung über eine eigene Erinnerung zu einem Thema aus der fernen oder nahen Vergangenheit zu schreiben, angehängt. Es gibt Tipps, die den potentiellen Schreiber anleiten und inspirieren. Zeitlich ungeordnet verbinden sich die Episoden zu einer Biographie.

Lange hatte ich die Texte noch in meinem Kopf, Doris Dörrie kann mit Worten Atmosphäre schaffen und Stimmungenerzeugen. Ist man dann noch am Schreiben interessiert, möchte man gleich die 1. Regel befolgen und loslegen: 10 Minuten schreiben, mit der Hand, ohne Kontrolle, ohne nachzudenken und ohne Pause – für den Anfang.

Ich habe es probiert, es war eine Erfahrung, die Spaß gemacht hat und mir lange nicht mehr gedachte Erinnerungen ins Bewusstsein gebracht hat. – So gerne ich dieses Buch mag: eines würde ich so gar nicht ausprobieren wollen: Über meine Haut zu schreiben und über Pickel. Aber vielleicht unterscheidet gerade das den Profi vom lesenden Anfänger.

Wer gerne liest, wird das Buch mögen. Wer Biographien mag, auch.

Wer gerne Neues ausprobiert, wird vielleicht damit anfangen.

 

 

Maja Lunde - Die Geschichte des Wassers

Liebe Lesezeit – Freunde und Freundinnen,

aus besonderem und bekannten Grund können wir nicht zu unserer gewohnten Lesezeit-Runde einladen. Deshalb hier eine online-Version – leider ohne bereitgestellten Wein oder Tee. Vielleicht kann man sich das Getränk aber auch zu Hause dazustellen und dann die Präsentation lesen.

Außerdem gibt es noch eine weitere Beschränkung. Da es um eine online-Version geht, hat uns der btb-Verlag lediglich das Einfügen von vier Seiten aus dem Roman in diese Präsentation erlaubt. Aber auch so sollte man einen Eindruck vom Buch gewinnen können.

Als ich für die zweite „Lesezeit“ in diesem Jahr (geplant war der 21.04.2020) einen Buchvorschlag aussuchen wollte, näherte sich die Corona – Pandemie schon Europa. Meine ursprüngliche Idee wurde damit unbrauchbar: „Der Wal oder die Geschichte vom Ende der Welt“. In dieser Geschichte geht es nämlich um eine Pandemie, in diesem Fall verursacht von einem extrem aggressiven Virus, der die Menschen in wenigen Tagen tötet. Das hat wirtschaftliche, psychologische und menschliche Auswirkungen von enormen Ausmaßen. Ich nahm Abstand von diesem sehr lesenswerten Buch, denn ich fürchtete, dass womöglich der eine oder die andere der ZuhörerInnen eine ähnliche schmerzhafte Erfahrung bis zum Termin der Buchvorstellung gemacht haben könnte.

So begab ich mich auf die Suche nach einem Ersatz. Verschiedene Bücher drängten sich in der Folgezeit auf und schließlich sah ich die beiden Bücher von Maja Lunde im Regal: „Die Geschichte der Bienen“ und „Die Geschichte des Wassers“ und entschied mich für den neueren Roman.

Maja Lunde setzt auch bei diesem Werk, das 2019 auf der LitCologne von ihr vorgestellt wurde, auf die parallele Darstellung verschiedener Zeitstränge. Wie in „[der] Geschichte der Bienen“ finden wir auch hier drei Zeitebenen, diesmal allerdings etwas weniger deutlich getrennt. So erleben wir die 70-jährige Norwegerin Signe, die 2017 in ihrer Heimat in Norwegen gegen ökologische Missstände auf ihre Weise protestiert. Gleichzeitig erinnert sich Signe an ihre Kindheit. Schon in jungen Jahren kämpfte sie an der Seite ihres Vaters gegen die Ziele einer Profit-orientierten Gesellschaft und damit auch gegen ihre Mutter, die erfolgreich ein Hotel führte.

Der dritte Erzählstrang wird von David beigesteuert. Er und seine Familie leben in Südfrankreich im Jahr 2041. Die Welt hat sich stark verändert. Die Menschen fliehen aus den südeuropäischen Ländern und versuchen die „Wasserländer“ zu erreichen.

Mit den ersten zwei Seiten erfahren wir durch Signe, wie es in der Vergangenheit, zur Zeit ihrer Jugend, um ihre Heimat stand, wie es um die Natur und das Wasser in all seinen Erscheinungsformen bestellt war.

Seite 7 und Seite 8:

 

Schon auf den ersten zwei Seiten findet Magnus Erwähnung. Er wird sich durch Signes gesamte Geschichte als wichtiger Akteur ziehen. Aber es deutet sich auch schon an, dass er nicht immer an Signes Seite verbleiben wird. Schon hier spürt man, dass Magnus irgendwie auch einen Gegenpart einnimmt, in Opposition gerät trotz aller Bedeutsamkeit für Signe.

Signe, die sich irgendwann im Verlauf ihres Erwachsenwerdens von der Heimat mit all den geliebten Naturerscheinungen entfernte, kommt im hohen Alter zurück – nicht um in Erinnerungen zu schwelgen, sondern um erneut gegen den Missbrauch von Wasser Position zu beziehen. 

Seite 15:

Ihr Protest gegen diese Schändung des Gletschers und das dekadente Tun nimmt ungewöhnliche Formen an und ist der Grund, warum sie sich auf eine lange Reise mit ihrem Segelboot macht. Dabei kommt ihr das Wasser ganz nah und die Erinnerungen an ihre Kindheit werden immer wieder geweckt.

Davids Geschichte beschreibt das genaue Gegenteil. Nicht das Wasser in all seinen Erscheinungsformen prägt seine Geschichte, sondern der schiere Mangel. Lange Zeit hat er in einer Wasserentsalzungsanlage gearbeitet und gehofft, auf diese Weise der Dürre und damit dem Mangel an Sußwasser entgegenwirken zu können. Doch die Anlage war ihrer Aufgabe zumindest quantitativ nicht gewachsen. Viel zu spät entscheidet sich auch David mit seiner Familie zu fliehen. Dabei wird er mit seiner Tochter Lou von Frau und Sohn Anton getrennt. Doch sie haben einen Treffpunkt bestimmt  und so hoffen Vater und Tochter, die andere Hälfte der Familie dort zu finden.

Seite 30:

David und Lou werden in diesem Lager Aufnahme finden. Aber wie in allen Flüchtlings-lagern werden auch diese beiden mit Problemen, Herausforderungen und Vorkommnissen aller Art konfrontiert werden. Natürlich ist auch an diesem Zufluchtsort die Folge der Dürre unübersehbar.

Letztendlich finden die beiden Erzählstränge zueinander trotz der Diskrepanz in der Zeit und der räumlichen Entfernung. Es hat bei mir sehr lange gedauert, bis mir klar wurde, wie die beiden oder letztendlich sogar drei Geschichten zusammengeführt werden könnten, aber dieses unwahrscheinliche Ereignis erscheint durchaus glaubhaft und lässt den Leser doch einigermaßen erleichtert zurück, nachdem er viele Katastrophen miterleben musste.

„Die Geschichte des Wassers“ ist ein sehr spannendes Buch, auch wenn es eher leise, teilweise geradezu poetisch daher kommt. Es ist nicht unbedingt ein Wohlfühlbuch. Die Charaktere wachsen einem durchaus ans Herz, aber die sehr realen, ungelösten Umweltprobleme lassen vermutlich jeden Leser  besorgt und nachdenklich zurück.

Vielen Dank für das Interesse,
Birgitt Peters-Lapsien

 

 

 

 

 

Wir haben in der Lesezeit bereits vorgestellt